Donnerstag, 31. Juli 2014

9. Eintrag
(Barbara Grabher)

Grenze / Erfahrungen – Grenzerfahrungen?

16.8.14

Die letzte Grenze oder auch die Erste. Was hier noch steht ist ein Relikt aus der Vergangenheit – die Infrastruktur der Grenzkontrolle am Wurzenpass zwischen Slowenien und Österreich. Mit dem Blick vom Gasthaus Bauernjause zieht die Straße unter der Überdachung der Kontrollposten entlang. Die orangen Schrankenhalterungen sind noch vorhanden, jedoch fehlen die Schrankbalken. In den Kontrollhäuschen stecken noch die Schlüssel und Kugelschreiber stehen auf dem Tisch – Politische Veränderungen machen diesen Ort zu Geschichte und so erzählen uns Wände, Türen und Fensterscheiben von vergangenen Zeiten und Situationen. 

Relativ kühl aber mit ein Bisschen Sonnenschein will Fatih eine Aufnahme gerade an diesem Punkt machen. Er ist seit gestern auf der Suche nach etwas – für mich ist es nur dumpf erkennbar, aber er sucht nach der eigenen Erinnerung. Eventuell gefunden oder vielleicht auch gar nicht auffindbar, dass kann niemand entscheiden – nur vielleicht die erinnernde Person selbst. Fatih kennt diesen Ort, er war schon hier, verbindet seine eigene Geschichte mit dieser spezifischen Passstrecke und dem Grenzübergang nach Slowenien bzw. Jugoslawien. Es befinden sich hier Emotionen für Fatih. 

Weitere Emotionen entdecke ich bei den aufgeklebten Stickern auf den österreichischen und slowenischen Landesschildern. Organisationen, ideologische Werte haben sich hier durch Menschen anhand der gegebenen Strukturen verewigt. Was wird damit geschaffen – Eine Präsenz für die Ewigkeit und somit eigene Spuren zu ziehen. Welche Emotionen verbinden diese Menschen mit dieser Stätte? Was bewegt sie hier sich zu verewigten? Und wer hatte hier nicht die Möglichkeit oder das Interesse sich seine/ihre Präsenz kundzutun? Es reizt mich selbst auch unser Logo darauf zu klebe, um Sichtbarkeit für unser Projekt aber vor allem für die spezifische Geschichte dieser Route zu garantieren und somit Stimmen laut zu machen, welche hier Gefühle, Hoffnungen und Eindrücke hinterließen. 

8. Eintrag
(Barbara Grabher)

Zurück?

13.8.14

Nun sind wir zurück bzw. teilweise zurück – Es ist eine Definitionsfrage ab wann jemand ankommen kann oder auch zurück kommen kann. Unser derzeitiger Aufenthaltsort ist Yesilkoy Bolu im Haus von Fatihs und Fatmas Eltern, welches ich vor zwei Wochen das erste Mal betreten habe. Zwei beeindruckende, intensive Wochen liegen hinter uns und immer wieder erlebe ich es wie es zu einer Evaluation und Reflexion kommt, wenn ich an bekannte Orte zurückkehre. 

Die Kleidung ist dreckig, teilsweise auch schon nicht mehr riechbar, gewisse Dinge haben sich von uns verabschiedet oder sind kaputt gegangen, der Kopf ist gefüllt mit Ideen und Gedanken. So sitze ich am Frühstückstisch vor Herrn und Frau Özcelik und es kommt die bekannte Frage „Barbara, wie gefällt dir die Türkei?“ – ich könnte nun beginnen meine Gegenfragen zu stellen „Welche Türkei?“, „Welche Punkte meiner Erfahrung?“. Eine umfassende Erfahrung liegt hinter mir und wiederum eine weitere Unbekannte vor mir. Denn wieder geht es bei uns weiter – zurück? Oder nach vorne? Oder nochmals weiter? Viele Mitreisende bewegen sich in ähnlichen Gefühlslagen, mit welchen wir uns bei der Grenze von Kapukule im Niemandsland zwischen türkischer und bulgarischer Grenzkontrolle sprechen. Auch für uns selbst bleibt diese undefiniert – mit dem Ziel diese Fragen zu klären oder auch erklären, wenn uns das Gefühl des Ankommens eingeholt hat. 


7. Eintrag
(Barbara Grabher)

Ein weiterer Aspekt in der Erfahrung der Gastarbeiter*innenroute

7.8.2014

Immer stärker wird ein essentielles Element der Gastarbeiter*innenroute mir bewusst. Bereits zuvor bewegte mich die Frage nach dem Ausgangs- und Zielpunkt der Route, jedoch bei der Begleitung von Personen in ihre Dörfer und Häuser im Zuge der Route wird noch die Frage nach der Begrüßung und der Verabschiedung immer zentraler.

In wie fern ist die Begegnung mit Personen und bestimmten bei der Ankunft Teil der Erfahrung der Strecke?

Wir begleiteten heute Herr Cansiz auf seine Alm im Hochgebirge der Region von Trabzon. Ausgehend von Macka entlang der Tourismusstrecke zum Kloster Sümela biegen wir links ab auf eine unbefestigte Straße. Immer höher trägt uns das Auto mit Lebenserfahrungen und –geschichten von Herr Cansiz auf der Gopro festgehalten. Schlaglöcher bestimmen das Fahrerlebnis aber noch viel mehr fasziniert die Landschaft. Wir überschreiten die Baumgrenze und vor uns liegt eine Berglandschaft überzogen von saftigen Grünflächen. Ein Bach zieht sich durch die Landschaft, welches durch natürliches Mineralwasser das Geschmackserlebnis in diesem Raum komplett macht. Wir nähern uns nach mehr oder weniger zwei Stunden der Yayla (Alm), wo die Frau sowie Mutter mit Kindern auf uns warten. Herr Cansiz hat an diesem Ort viele Sommer in seiner Kindheit verbracht und somit wird neben den Erfahrungen und Gesprächen mit der Familie, die Begegnung zwischen zwei Kindheitsfreunden zu einem besonderen Erlebnis für mich. Die beiden Männer leben geographisch entfernt zwischen Wien, Österreich und Trabzon, Türkei, doch teilen eine Erinnerung an die gemeinsamen Sommermonaten auf dieser Höhe. Die Begrüßung wird gefolgt von Neckereien der anderen Personen. Es herrscht eine Stimmung der Freude und Gemeinsamkeiten.


Immer öfter treffen wir auf diese Begrüßungen – in denen Geographie zwar eine Rolle spielt, jedoch die Freude, die Erinnerungen und Verbindungen in den Momenten des Wiedersehens zentral sind. 

6. Eintrag
(Barbara Grabher)

Wo wir stehen…

5.8.2014

Unser Standpunkt ist auf 1850 Meter über dem Meeresspiegel in Kayabas Yaylasi und somit der geographisch östlichste Punkt unserer Reise in der Region von Trabzon.

Unser Standpunkt wird uns jedoch auch auf eine andere Art und Weise bewusst: In Ayancik haben wir uns mit Ali Can über seine Zugehörigkeit und die Frage des Heimwehs unterhalten. Seine Antwort über die gefühlte Zugehörigkeit zu Vorarlberg und den „Landsleuten“ in Vorarlberg wird ergänzt durch die bewusste Überlegung der Erhaltung seines Geburtsdorfes. In wie weit Heimweh dabei eine Rolle spielt, bleibt für uns noch zu ergründen, jedoch gibt diese spannende Frage in den Gesprächen auch Anlass sich mit den eigenen Positionen zu befassen. Wir als Forschende stehen in diesem Forschungsprozess im Rahmen unserer expliziten Erfahrungen und Lebensumstände und somit arbeiten somit unausweichlich mit geprägten Blicken. Diese „eigene Brillen“, durch welche wir blicken, wurde mir in Bezug auf das Gespräch mit Ali Can und des Erlebnissen der Verabschiedungen bewusst.

So entsteht auf der Reise von Ayancik über Ordu weiter nach Trabzon in einer weiteren Fahrsituation für in unserem Team eine ähnliche Fragestellung auf. Was vermissen wir? In wie fern haben wir Heimweh oder können vermissen? Die Reflexion diesbezüglich ist eine zentrale Ausgangsposition unserer eigenen Situation. Welchen Bezug haben wir selbst auf unsere Forschung? Wo ist unser Standpunkt diesbezüglich? In einer spezifischen Situation ist jede*r von uns in der Situation der Migration oder Diaspora – unsere Leben bewegen sich über Grenzen hinweg mit den Distanzen zwischen verschiedenen vergangenen und gegenwärtigen Lebensmittelpunkten. Das Team vereint durch persönliche Lebensumstände der Migration verschiedenste Regionen innerhalb Österreichs zwischen Vorarlberg, Tirol und Wien, aber auch auf einem internationalem Niveau zwischen den Ländern Deutschland, Niederlande, Österreich, Spanien, Türkei und den USA. Demnach kommt von Fatma Özcelik im Gespräch nach dem Heimweh eine zentrale Frage auf: Heimweh, an welches Heim?
Diese Reflexionen im Forschungsteam sind somit Teil des eigentlichen Forschungsinhalts – wir werden als Forschende zu Subjekten unserer eigenen Forschung, da wir uns ebenfalls in diesen Momenten, Wegen und Situationen auf alltäglicher Ebene bewegen. In unserem eigenen Erleben sowie auch in den Gesprächen mit Personen im Kontext der Migration wird immer stärker bewusst wie sehr das Missen als Begleiter des Weges gedacht und gewertet werden darf. 


5. Eintrag
(Barbara Grabher)

Das eurozentristische Trampeltier

2.8.2014

Immer wieder kommen die Fragen für mich auf nach den sozialen und kulturellen Normen und Regeln auf dieser Reise durch die Türkei. Gerade heute werden mir diese noch bewusster und meine Inkompetenz schmackhafter gemacht. Es sind eventuell banale Aspekte, welche erst auf Hinweis von Arbeitskollegen*innen bekannt gemacht werden. Dennoch wird durch die Ansammlung von meinen Handlungen und Verhaltensformen eine Position als die Fremde wahrgenommen und darauf reagiert
Mit dem gestrigen Besuch eines Dorfes wird mir eine eventuelle Überforderung meiner Unkenntnis bewusst. Es heißt das Dorf Hacili wäre konservativer als die Stadt Ayancik und Frauen sollen bitte die Schultern bedecken. Nach dem Sonnenbrand vom Vortag bin ich davon nicht überrascht und sogar dankbar für den Hinweis, der mir eine gewisse respektvolle Haltung gegenüber anderen Personen ermöglicht. Im Dorf selber finde ich mich jedoch immer wieder in Situationen wieder, wo mein Anspruch auf gegenseitigem Respekt von meiner Seite aufgrund von Unachtsamkeit nicht erfüllt werden kann. So renne ich unbewusst mit Schuhen ins Haus oder schlage die Beine übereinander. Es sind nur kleine Nuancen für andere Personen, aber dennoch bin ich peinlich berührt über meine „Respektlosigkeit“. Durch diese feinen Nuancen sowie mein allgemeines Auftreten als Unwissende (in vielen Belangen wie Sprache und Handeln) werde ich gerne entschuldigt, da ich in der Position des Gastes stehe. Ich bin sehr dankbar über diese Entschuldigung, frage mich jedoch gleichzeitig, wie ich in dieser Position der Unwissenden und des Gastes dennoch Menschen entgegen kommen kann und mir ein respektvolles Handeln ermöglicht wird.
Aus einer anderen Perspektive hat die Position des Gastes, in welcher ich stecke, auch eine äußerst positive Komponente, welche ich dankend annehme. „Es wird auf mich geachtet – für mich im speziellen Sinn gesorgt“. Ich fühle meine besondere Position in diesem Sinne, wenn mir Informationen besonders schmackhaft mit Vergleichen und imaginären Bildern gemacht werden. Zudem wird sehr stark von verschiedensten Personen auf meine absolute Unfähigkeit der türkischen Sprache Rücksicht genommen und somit beinahe simultan übersetzt.
Besuche wie im Ort Hacili werden dadurch für mich zu einem besonderen Erlebnis zwischen peinlicher Berührtheit, da ich gewisse Aspekte der sozialen und kulturelle Wertigkeit unabsichtlich missachte, und einer intensiven Auseinandersetzung durch die Rücksicht auf meine unwissende und fremde Person.
Gleichzeitig kommen auf Basis dieser eigenen banalen Erfahrung die Fragen auf in wie weit die Anpassung im Sinne des Respekts notwendig bzw. möglich wird?
Ich freue mich über diese Erfahrung und lerne „Verständnis“ dadurch auf eine besondere Art kennen. Ein Dank für diese Reflexion gehört vor allem Ali Can, Fatih Özcelik, Fatma Özcelik und Bayram Özer für die Bemühungen mir dieses „Verständnis“ zu ermöglichen.


4. Eintrag 
(Barbara Grabher)

Ankommen in Ayancik

1.8.2014

Eine anstregende Fahrt liegt hinter uns. Ich hatte noch die Möglichkeit vor lauter Erschöpfung durch die vielen Eindrücke im Auto zu schlafen, jedoch ständig mit der Wachsamkeit bezüglich der Straße. Die Strecke nach Sinop Ayancik am Schwarzen Meer führte uns an der Küste entlang auf gefühlten Schotterstrecken entlang des Meeres – Berg auf Berg ab entlang einer von Schlaglöchern übersäte Straße, welche möglicherweise untertags ein beeindruckendes Erlebnis sein kann, jedoch in der Nacht an die Grenzen der Belastbarkeit des Autos, der Fahrer und Mitfahrer*innen. Die Ankunft in Ayancik direkt erfolgte demnach mit einer unglaublichen Erleichterung, Müdigkeit aber auch Kuriosität auf das Neue. Die Anfrage um Wegbeschreibung zum Hotel bei der ortsansässigen Polizei bringt uns die Ehre mit Eskorte um vier Uhr nachts zum Hotel gebracht zu werden. Die Frage nach dem Warum bleibt offen. Ein paar Stunden Schlaf warten uns ehe wiederum Termine und Eindrücke anstehen.
Bereits um 8.30 stehen Fatih Özcelik und Bayram Özer parat zum Frühstück und Gespräch mit dem Bürgermeister und Stellvertreter, während Fatma Özcelik und ich uns erst um 10.00 zum Frühstück im Hotel auf der Terrasse treffen. Türkisches Frühstück mit Cay mit Blick auf das Schwarze Meer ist eine gute Ausgangssituation für unsere Aufgabe hier. Fatih und Bayram stoßen zu unserem Frühstücksgenuss und teilen die ersten Erkundungen und Informationen für die Arbeit der nächsten Tage. Mit dem Blick auf das Meer am Strand sitzend und einer kleinem Spaziergang durch die Stadt beginnt unsere Erkundung und somit unsere Eindrücke, um diese Stadt.

Die Präsenz von österreichischen Kennzeichen lässt uns auf die Möglichkeiten der Ausstellungsplanung blicken. In informellen Gesprächen erfahren wir, dass die Stadt vorrangig von Gastarbeiter*innen und Migranten*innen lebt und deren Präsenz uns explizit interessiert. Zusammenhänge zwischen diesem Ort mit den umliegenden Dörfern und Städten in Vorarlberg (explizit Hohenems) aber auch restlichem Österreich und Deutschland formen unsere Perspektive. Wir bereiten uns auf ein Mittagessen mit dem Bürgermeister vor, um in weiterer Folge mit der expliziten Recherche für die Zusammenhänge zwischen Ayancik und Hohenems zu starten und daraus ein Ausstellungskonzept für die beiden Städte zu erstellen. 


3. Eintrag
(Barbara Grabher)

Ein neuer Abschnitt
30.7.2014

Mit der Ankunft am Busbahnhof/Otogar* in Bolu startet eine neue Etappe für mich (Barbara Grabher). Aus meiner Perspektive befinde ich mich in einem Niemandsland. Kein Gebäude, keine Straße trägt für mich Persönlichkeit durch Geschichte(n) oder Erinnerungen – ich stehe im Neuland. Allerdings fühle ich mich mit der Region so vertraut. Fatih Özcelik kommentierte vor der Abreise bereits, dass wir in den Bregenzer Wald der Türkei fahren und ich konzentriere meine Vertrautheit in dieser Region auf genau diese Einschätzung. Hügel und Berge bestimmen die Landschaft; überzogen mit einer Vegetation, die mir geläufig ist. Es ist ein gewisses Grün, welches mir auch in Vorarlberg immer wieder ins Auge springt, wenn ich für gewisse Zeiten wieder vor Ort bin. Das Gebäude des Busbahnhofes bäumt sich hinter mir auf und ich betrachte die Autos, die sich am Parkplatz reihen, mit der Suche nach emotionaler Bindung, um in diesem Neuland einen Punkt der Zugehörigkeit und Gebundenheit zu finden.
Mein Aufenthalt in Istanbul, um mich mit gewissen Orten in der Stadt zu befassen und durch die räumlich Distanz zur Forschung Zeit zu finden anzukommen und Erlebtes zu erfassen und zu ordnen, trennte mich in diesem Sinn teilweise vom gesamten Forschungsteam. Elmar Hasovic begleitete mich noch bei diesem Aufenthalt, wird uns jedoch in der Türkei nicht mehr weiter begleiten, sondern zu einem späteren Zeitpunkt uns wieder seine Unterstützung anbieten. Die zeitliche und räumliche Distanzierung der Gruppe weckt beim Anblick des heranfahrenden Autos amüsante Gefühle in mir aus. Ich erkenne unsere Skibox und gleich darauf die Plakette des Projekts auf den Autotüren. Ich atme durch und erkenne wie sich der Raum, welches ich als Niemandsland wahrnehme, sofort verändert. Bayram Özer winkt mir aus der Ferne noch zu und ich gehe mit meinem Gepäck nicht nur auf die vertrauten Menschen zu, sondern auch auf unser Forschungsprojekt, welches ab diesem Zeitpunkt zu einer neuen Etappe für mich verändert.
Ich schreite auf eine andere unbekanntere Perspektive des Projekts hin, in welchem neben der Sprache, thematischen Ausrichtung und geographischen Bezugs auch das Forschungsteam sich verändert. Ich freue mich besonders Fatma Özcelik kennenzulernen, welche uns in unserer Arbeit und Reflexion in den letzten Tagen bereits intensiv zur Verfügung gestanden ist und auch weiterhin über verschiedenste Wege begleiten wird.


*An dieser Stelle möchte ich den Aspekt der Sprache in der Forschungsarbeit in unseren Blog inkludieren. Als einzige nicht-türkisch sprechende oder verstehende Person ist die Erfahrung des Nicht-Verstehens aber gleichzeitigen Wahrnehmens von anderen Kommunikationssituationen (z. B. Körper als Sprache) bzw. der Lernprozess ein Anliegen. Meine minimalen Kenntnisse, welche sich auf mehr oder weniger auf situationsbedingte, lustige Worte, Ausdrücke oder Frasen beziehen, sind Symbole für einen tiefgreifenden Reflexionsprozess, welcher im Rahmen die Feldforschung begleitetet.

2. Eintrag
(Barbara Grabher)

Wo beginnt und wo endet eine Reise?

Wir begleiten die Gastarbeiter*innenroute oder besser sie leitet uns, doch immer wieder stoßen wir dabei auf die vielseitigen Facetten einer Route, welche als solche sich durch die sozialen, kulturellen und politischen Umstände ständig verändert hat und somit in vielzähligen Punkten erscheint bzw. auch wieder verblasst. Demnach lassen wir uns vielmehr leiten von zahlreichen Elementen auf verschiedenen Routen, welche erst in ihrer Gesamtheit ein konkreteres Bild ergeben können.
Gerade im Moment sitze ich beim Sirkeci Bahnhof. Fotographien und alte Werbungen erinnern an die Vergangenheit im Restaurant Orient Express dieses Ortes. Neben mir gelegen das "alte Gleis" und der Bahnsteig. Gehörte Geschichten begleiten mich hier an diesem Punkt der vielfältigen Gastarbeiter*innenroute(n). Abdullah, einer unserer Gesprächspartner, hat an diesem Bahnhof sich in den Zug gesetzt und seine aller erste Reise nach Vorarlberg angetreten. Bereits nach der Verabschiedung von der Mutter in Kayseri stand er mit seinen Vater nach einer Busfahrt an diesem Punkt mit den Gedanken nach vorne und zurück - an das zu Erwartende und was ihn bei seiner Rückkehr wieder erwarten würde. Dieser Raum stellte für ihn eine zentrale Etappe auf emotionaler aber auch physischer Ebene dar. Durch den Austausch mit Abdullah und mit der Erinnerung an seine Geschichte erlebe ich diesen Raum auf eine sehr spezielle Art – seine Worte begleiten mich an diesem spezifischen Punkt.
Doch auch andere Etappen erleben wir auf unserer Strecke. Mich persönlich bewegen besonders zwei Momente:
Samstag (26.7.2014) kommen wir zur Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei. Es ist Nachmittag und wir sind die ganze Nacht durchgefahren – immer wieder nicke ich ein, ohne wirklich zu schlafen. Uns allen geht es dabei ähnlich: Es herrscht eine träge Stimmung, Müdigkeit und Anstrengung stehen allen ins Gesicht geschrieben. Es beginnt wieder dichterer Verkehr … von weitem sehen wir bereits die Staatsflagge und türkische für mich nicht verständliche Buchstaben. Mir ziehen Gedanken durch den Kopf: Kann es sein dass wir es bereits geschafft haben? War das die Gastarbeiter*innenroute? Was passiert ab hier? Meine Wahrnehmung ist dominiert von mehreren Gefühlen zugleich – nur schwer sind diese für mich zu benennen bzw. auch zu erklären. Es packt mich eine ungeheure Erleichterung, ein Aufatmen die Fahrt überstanden zu haben und doch bald Abstand zum Auto und dem beengtem Raum zu bekommen. Aus diesem simplen Plan die Gastarbeiter*innenroute zu befahren ist Realität geworden. Die türkische Grenze repräsentiert dies für mich mit einer immensen Wucht. Doch auch gleichzeitig empfinde ich eine andere Intensität von beklemmenden Respekt auf das Neue und eine Art von Trauer mit dem Gedanken, dass dieses Streckenerlebnis somit bereits ein Ende finden würde. Mit diesen gemischten Gefühlen bin ich nicht alleine, wie ich bei Gesprächen ausfindig machen kann. Demnach ist es für mich essentiell trotz den Plänen gleich nach Istanbul weiterzufahren mich gegen die restliche Gruppe zu stellen und eine Übernachtung an der Grenze zu verlangen. Ich brauche mehr Raum und Zeit, um mich an diesem Punkt emotional auch zu sammeln und genieße daher die Möglichkeit in Ruhe diesem Durchzugsort, welcher emotional durch die Reaktionen der Menschen, Symbolen etc. ausgeschmückt ist, wahrzunehmen.

         Eine ähnliche Gefühlswelt kommt für mich am nächsten Tag wiederum auf. Die Weiterreise Richtung Istanbul am Sonntag (28.7.2014) kann in einem viel geordneten emotionalen Zustand angetreten werden. Wobei wiederum bei der Bosporus Überquerung mit dem Befahren der Brücke eine klare Etappe für mich emotional abgeschlossen wurde. Die Stimme einer Studienkollegin kommt mir in den Sinn Istanbul als die absolute Grenzstadt – das Erlebnis der Grenze zwischen Europa und Asien. Die Grenze als Abgrenzung jedoch aber auch gleichzeitig als Brücke, denn auch in Bezug auf die Reisesituation und den Start oder Abschluss der Gastarbeiter*innenroute machen wir bei einer schnellen Pause auf der anderen Seite der Brücke die Erfahrung, dass unsere Route noch lange nicht zu Ende ist. Weggefährten*innen treffen wir gerade an diesem Platz wiederum und es kommt für mich verstärkt die Frage nach den vielseitigen Punkten der Gastarbeiter*innenroute auf – insbesondere der Anfangs- und Endpunkt lassen sich nicht festlegen bzw. werden individuell durch die Ziele und Absichten der einzelnen Personen deklariert. Wo mein oder unser End- und Anfangspunkt der Reise ist, bleibt demnach eine Frage, die wir zunächst noch selber stellen müssen. 

1.  Eintrag
(Barbara Grabher)

Spuren von Geschichte(n) auf der historischen Gastarbeiter*innenroute in Österreich

23. und 24. Juli 2014

Der Start und gleichzeitig das Ziel - wir bewegen uns auf der Straße, begleitet von eigenen Erinnerungen. Schon im Arlbergtunnel kommen Gedanken auf mit Erinnerungen ausgeschmückt an unsere eigene Reiseerfahrungen. Die Wege als Kinder in den Urlaub, in die Sommerferien - als Studenten*innen an verschiedenste Orte Österreichs. Wir verlassen Vorarlberg mit einer Suche nach der Vergangenheit - unsere persönliche Geschichten und Erfahrungen bewegen sich dabei mit.

Durchs Tirol werden wir begleitet von einem engen Zeitplan mit dem Terminen vor uns und straffen geplanten Zeiten für Gespräche, die auf uns in der Gegend von Kalwang, Mautern , Leoben in der Steiermark warten. Begegnungen bestimmen besonders im österreichischen Teilabschnitt der Strecke unsere Erfahrungen der Feldforschung. Die ersten beiden Tage sind geprägt von Besuchen bei Personen, die mit oder an der Straße lebten und somit auch die Vergangenheit der Gastarbeiter*innenroute erlebten. So wird besonders die Begegnung in der Raststation Viertler in Kalwang zu einem Erlebnis der besonderen Art. Der ehemalige Betreiber der Tankstelle und der gegenwärtige Besitzer des Gasthauses können uns von tiefgreifenden Veränderungen auf der Route berichten. Besonders der Bau der Autobahn veränderte die Bedeutung der Raststation. Neben durchreisenden Motorradfahrer*innen auf der Strecke zwischen Ungarn und Dornbirn treffen wir auch Bewohner*innen des Ortes Kalwang selber, welche aufgrund des Essen und der Gastfreundschaft diesen Ort besuchen. Der Austausch mit diesen Protagonisten*innen auf der Route ermöglichte uns besonders die Intensität der Veränderung von der Vergangenheit in die Gegenwart zu begreifen. Mit dem Fokus auf Landstraßen und vorbereiteten Gesprächsterminen haben wir das Glück Personen zu treffen, welche uns tiefere Einblicke über den Alltag auf der Gastarbeiter*innenroute geben können. So bieten uns der Abschleppdienst Kühberger in Liesinggau und die pensionierte Personen der Polizei und Feuerwehr aus Leoben für uns zentrale Informationen, um die Intensität der Route zu begreifen.


Die Reise wird besonders ab Radstadt durch einen weiteren Faktor bestärkt. Es kommt die Suche auf. Immer wurde uns kommunziert von Hinweisschildern und Parkplätzen aus alten Zeiten. Fündig oder aufmerksam werden wir nur bezüglich der Ausbuchten entlang der Bundesstraße, welche mit Bänken und Mülleimern zum „Verschnaufen“ einladen - direkt an der Straße geschmückt mit Bäumen. Wer darunter bereits gesessen ist und sich dieser Insel der Ruhe und eventuellen Sicherheit bedient hat, bleibt unbekannt. Wir begeben uns auf die Suche nach Räumen, welche uns in unserer Recherche ins Auge gestochen sind. Ein zentraler Anhaltspunkt ist dabei der sogenannte „Türkenparkplatz“ (wortwörtliche Bezeichnung eines Bewohners von Mautern, Steiermark). Ohne Wissen über die gegenwärtige Gestaltung dieses Ortes und daher mit vielen Wegerklärungen begegnen wir diesem Raum gefüllt mit Erinnerungen, welche jedoch für uns nicht hörbar sein können. Neben einem WC Häuschen und zwei Bänken befindet sich noch eine Hinweistafel hinter zwei großen Kieshaufen, welche die Sicht von der Straße aus behindern. Dieser Ort der Vergangenheit weckt in uns Fragen nach den Erinnerungen, kann jedoch diese nicht umfassend vermitteln. Dennoch birgt bereits die Präsenz dieser letzten Elemente eine intensive Schlussfolgerung für unsere Arbeit. Die Geschichten dieser Straße lassen sich auch an diesen Materien festhalten. Die Geschichten sind für uns nicht direkt hörbar, doch aufgrund dieser Objekte besteht die Präsenz der Vergangenheit. Zwar sprechen wir selber bei der Suche immer wieder von „toten Orten“, wenn wir ehemalig genutzte Parkplätze, Tankstellen und Straßen besuchen, erleben jedoch ein Ambiente, welches im selben Moment durch eine spezifische Gegenwart der eigene Vergangenheit in Bezug auf die Gastarbeiter*innenroute leben und erzählen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen